Thomas Näf: Trends des Arbeitsmarkts seit 1990

Sowohl die Arbeitslosen hier wie auch die Lohnabhängigen aus dem Ausland werden rigorosen Kontrollen und Vorschriften unterworfen. Beiden werden gewisse Rechte vorenthalten. Beide werden überdurchschnittlich stark beobachtet. Beide spielen in den Medien die Rolle von Sündenböcken. Und schliesslich in unserem Zusammenhang das Entscheidende: Beide lassen sich dazu verwenden, das Lohngefüge auf unserem Arbeitsmarkt zu unterminieren. …mehr

 

 

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KABBA – Das überregionale Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen (Vorstand)

Provisorisches Referendumskomitee
gegen die AVIG-Revision

EU zählt fünf Millionen arbeitslose Jugendliche

Die Jungen sind die am stärksten vom Anstieg der Arbeitslosigkeit betroffene Bevölkerungsgruppe. Wie aus von der Eurostat am 23. Juli publizierten Auswertungen zur Jugendarbeitslosigkeit für das erste Quartal 2009 hervorgeht, waren am Stichtag 4 Millionen und 950 Tausend Arbeitslose im Alter zwischen 15 und 24 Jahren registriert. Die Arbeitslosenquote dieser Altersschicht stieg binnen Jahresfrist von 14,6% auf 18,3 % an. Diese Zunahme (+3,7 Prozentpunkte) auf ohnehin hohem Niveau entspricht dem Zusatz von einer Million junger Arbeitsloser. Die Jugendarbeitslosigkeit wächst damit deutlich rascher als die allgemeine Arbeitslosigkeit (+1,5 Punkte). Die Jungen sind offensichtlich die ersten Opfer dieser Krise.

In sämtlichen EU-Staaten übertrifft die Jugendarbeitslosenquote die allgemeine Arbeitslosenquote beträchtlich. Die Rate der Jugendarbeitslosigkeit sogar einiges über dem Doppelten der generellen EU-Arbeitslosenquote. Sie ist mit Ausnahme Bulgariens (Rückgang von 13,9% auf 13,5%) in allen EU-Staaten gestiegen, geradezu sprunghaft in Lettland (von 11.0% auf 28,2%), Estland (von 7,6% auf 24,1%) und Litauen (von 9,5% auf 23,6%). Die höchste Jugendarbeitslosigkeit herrscht nach wie vor in Spanien mit sage und schreibe 33,6 Prozent. Einer von drei jungen Spaniern findet keine Arbeit. Spaniens allgemeine Arbeitslosenquote ist mit 16,6% ebenfalls die höchste aller EU-Mitglieder.

Die gemäss EU-Kriterien harmonisierte Statistik für Gesamtzahl der EU-weit eingeschriebenen Arbeitslosen liegt schon für Ende Mai vor. Sie hat binnen 12 Monaten um 5,4 Millionen zugenommen (+1,5%) und erreichte zum Stichtag 21,5 Millionen oder 8,2%.

Es ist wohlbekannt, dass die Regierungen die Gewalt über die Statistik haben. Zu vielen Hunderttausenden werden Arbeitslose aus dem Versicherungsschutz gegen Arbeitslosigkeit ausgeschlossen. Unter schönen Vorwänden und Wörtchen (Beschäftigungsmassnahme, Umschulung und Weiterbildung usw.) werden die Arbeitslosen zum Einsatz in prekäre Tieflohnbeschäftigungen kommandiert und massenweise in schärfere Ausbeutungsformen überführt. Sowohl die versicherungsseitige Entrechtung der Arbeitslosen wie alles, was im Zuge der autoritären Umgestaltung des Arbeitsmarkts den Arbeitslosen zugemutet wird, gehen Hand in Hand mit dem massenhaften Verschwinden von Arbeitslosen aus den offiziellen Statistiken. Wenn sie auch kein getreues Abbild von Zustand und Bewegung des sogenannten Arbeitsmarkts vermitteln, so vermögen die offiziellen Zahlen dennoch genug zur Bestätigung der Diagnose einer tiefen Krise, die sich auch im Rückgang der Produktion bzw. des Bruttoinlandprodukts der 27 EU-Staaten insgesamt um 3,7% im 1. Trimester niederschlägt.

Wie tief die Krise des spätkapitalistisches Systems wirklich geht, das könnte sich wohl nicht deutlicher erweisen als in der Art, wie die krisengeschüttelten Herrschenden mit der Jugend umgehen. Millionenweise werden Jugendliche von Arbeit und Erwerb ausgeschlossen und nur zu völlig unzumutbaren Bedingungen wieder zugelassen, wenn nicht verpflichtet. Vom Schwund der Bildungschancen und der Kenntnis des Alphabets gar nicht zu sprechen.

Bei der erwähnten Zahl von 5 Millionen Jugendarbeitslosen handelt es sich um eine blosse Momentaufnahme. Der Bestand von 5 Millionen zu einem Stichtag sagt noch nichts über den gesamten “Durchfluss” von Jungen, die im Verlaufe einer längeren Periode durch die Arbeitslosigkeit rotiert werden. Viel grösser als 5 Millionen ist die Zahl derer, die schon in der Jugend ein- oder mehrmals durch den Fleischwolf der Arbeitslosigkeit gedreht und zwischen hinein zu Hungerlöhnen beschäftigt wurden. Da kommt eine immer grössere Summe von Jugendlichen zusammen, welche die Erfahrung machen, dass ihre gesamten Lebenspläne durch Arbeitslosigkeit, Prekarisierung und Lohnzerfall gründlich durchkreuzt werden. Das System gibt die Jugend auf, es steht da als Klotz, der der Jugend alle Wege und Aussichten auf eine produktive Zukunft verbarrikadiert. Es ist das Verfaulende, das der Zukunft, der Jugend keinen Boden gönnen will.

Die Statistik zeigt überdeutlich, was auf dem Arbeitsmarkt aktuell geschieht: es ist die reine Kriegserklärung an die Jugend. Man will sie um ihre Zukunft betrügen. Von den alten Rechte und Freiheiten, wie sie Vater und Grossvater kannten, gelten viele längst nicht mehr. Auch was davon übrig geblieben ist, soll den Enkeln schrittweise angetastet, geschmälert, beseitigt werden. In Pariser Vorstädten, in Athen und anderen grossen Städten der EU-Staaten haben jugendfeindliche Regierungspolitiken und mörderische Repressionen schon zu tage- und wochenlangen heftigen Strassenkämpfen und machtvollen Demonstrationen geführt. An der Seine hat man auch den ungewöhnlichen Fall erlebt, dass eine Regierung klein beigab und ein gegen die Jungarbeiter gerichtetes Gesetz, obwohl bereits beschlossen, im Ergebnis der Massenkämpfe wieder zurückziehen musste. Die Betroffenen mochten das Gesetz nicht zulassen, da es ihren Kündigungsschutz verschlechtert und ihrer weiteren Prekarisierung Vorschub geleistet hätte.

(mh/30.07.09)

Quellen: Eurostat – Pressemitteilung 109/2009 (23.07.2009) sowie Eurostat – Quote der EU27 auf 8,9 Prozent gestiegen (3.07.2009)