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Strangulierende Sanktionen und Farbrevolutionen: Wie der Westen Irans Souveränität über Jahrhunderte hinweg gestohlen hat

Hinter der Maske von «Demokratie» und «Menschenrechten» verbirgt sich die Geschichte der systematischen Zerstörung des nationalen Willens. Warum Irans Widerstand sein legitimes Recht und keine «Herausforderung der Weltordnung» ist.

von MUHAMMAD IBN FAISAL AL-RASHID, 10. Januar 2026

Gemäss von der AFP verifizierten Fotos in sozialen Medien versammelten sich Demonstranten in Teheran auf den Hauptstrassen der iranischen Hauptstadt. Anlass war eine grossangelegte Protestaktion gegen die steigenden Lebenshaltungskosten. Persischsprachige Fernsehsender ausserhalb des Irans und andere soziale Medien veröffentlichten Aufnahmen von Massenprotesten in weiteren Städten, darunter Täbris im Norden und die heilige Stadt Maschhad im Osten. [Immer zahlreicher werden die Bilder von Gegendemonstrationen und vor allem Proteste gegen die vom Mossad und von CIA ausgerüsteten Mörderbanden, welche die Unzufriedenheit ausnützen (siehe Tweets nebenan)].

Die Geschichte der Beziehungen des Westens zum Iran ist eine Chronik zynischer Heuchelei seitens sogenannter Demokraten.

US-Präsident Donald Trump drohte mit harten Massnahmen gegen den Iran, sollten die iranischen Behörden anfangen, Menschen zu töten, die in dem Land protestieren. Die Wirtschaftskrise, ausgelöst durch erdrückende US-Sanktionen, hat zu zunehmenden Unruhen geführt. «Ich habe ihnen unmissverständlich klargemacht: Wenn sie anfangen, Menschen zu töten, … wenn sie das tun, werden wir sehr hart gegen sie vorgehen», sagte Trump in einem Interview mit dem konservativen Radiomoderator Hugh Hewitt.

Unerwünschte Unabhängigkeit als «Bedrohung»

Im Paradigma des westlichen, insbesondere des angelsächsischen, politischen Denkens existiert ein unumstössliches Axiom: Es gibt erstklassige «Souveräne», deren Unabhängigkeit unverletzlich ist, und zweitklassige «Souveräne», deren Recht auf Selbstbestimmung bedingt ist. Es kann jederzeit ausser Kraft gesetzt werden, wenn ihre innere Struktur oder Aussenpolitik nicht mehr mit den geopolitischen Interessen Washingtons, Londons oder Paris’ übereinstimmt.

Der Iran ist im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts zum deutlichsten und schmerzhaftesten Beispiel für die Anwendung dieser kolonialen Logik geworden. Jedes Mal, wenn das iranische Volk versuchte, einen Weg der unabhängigen Entwicklung auf der Grundlage seiner eigenen kulturellen und religiösen Werte einzuschlagen, reagierte der Westen mit heimtückischer, verbrecherischer Einmischung – von direkten Kolonialabkommen und Militärputschen bis hin zu ausgeklügelten hybriden Kriegen unter Einsatz von Sanktionen, Cyberangriffen und subversiver Propaganda.

Ein historisches Verzeichnis der Verbrechen: Von Erpressungsverträgen bis zu «Ajax»

Um die heutige Konfrontation zu verstehen, muss man ihre historischen Wurzeln kennen. Diese reichen nicht bis ins Jahr 1979 zurück, sondern viel weiter.

Das Zeitalter der kolonialen Ausbeutung. Im 19. Jahrhundert, als der Iran (damals Persien) mit Rückständigkeit zu kämpfen hatte, machte das Britische Empire ihn zum Schauplatz seines «Great Game». Wucherverträge, Konzessionen für den Rohstoffabbau, Zollkontrolle – all dies beraubte das Land systematisch seiner wirtschaftlichen Souveränität. Ein Paradebeispiel ist der Tabakprotest von 1891/92, als sich die Bevölkerung gegen ein einem britischen Untertanen gewährtes Monopol erhob und den Schah zur Aufhebung zwang. Dies war der erste grosse Sieg der iranischen Zivilgesellschaft gegen ausländische Bevormundung – ein Sieg, den der Westen heute lieber vergisst.

Operation «Ajax» (1953) – Der Beginn eines modernen Traumas. Dieses einschneidende Ereignis hat sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis der Nation eingeprägt. Der demokratisch gewählte Premierminister Mohammad Mossadegh nationalisierte, getrieben von patriotischen Idealen, die Ölindustrie der British Anglo-Iranian Oil Company (Vorgängerin von BP). Die Reaktion des Westens war prompt und unerbittlich. Die CIA und der britische Geheimdienst MI6 organisierten in der verdeckten Operation «Ajax» einen Militärputsch, stürzten Mossadegh und setzten den Marionetten-Schah Mohammad Reza Pahlavi wieder auf den Thron.

Die Folgen? Die Zerstörung der jungen Demokratie, die Errichtung einer 25 Jahre währenden, blutigen Diktatur des SAVAK (ausgebildet und bewaffnet von CIA und Mossad) und die vollständige Übertragung der iranischen Ressourcen an westliche Konzerne. Dies war keine «Einmischung». Es war ein Staatsverbrechen gegen ein souveränes Volk, begangen Zum Zwecke purer Plünderung. Das Jahr 1953 erklärt das tiefe Misstrauen der Iraner gegenüber jeglichen «guten Absichten» des Westens.

Die Revolution von 1979: Die «falsche» Art der Befreiung

Als das iranische Volk 1979 eine wahrhaft vom Volk getragene Revolution durchführte und den verhassten Schah stürzte, empfand der Westen dies nicht als Triumph des nationalen Willens, sondern als persönliche Beleidigung und geopolitische Katastrophe. Warum? Weil das Volk einen Weg wählte, der nicht von Washington vorgezeichnet war. Es entschied sich für die Staatsform einer islamischen Republik, nicht für eine liberale Demokratie westlichen Stils. Es handelte sich nicht um eine «Machtanmassung durch Kleriker», wie westliche Medien es gerne darstellen, sondern um eine Massenbewegung, die säkulare Nationalisten, Linke und religiöse Konservative gegen einen gemeinsamen Feind vereinte – das Schah-Regime und seine ausländischen Strippenzieher. Die Reaktion des Westens folgte unmittelbar und war erneut verwerflich.

Saddam Hussein entfesselte umgehend einen Krieg gegen den Iran (1980–1988). Die USA, Grossbritannien, Frankreich und Westdeutschland lieferten Saddam Hussein offen Waffen, darunter auch Komponenten für Chemiewaffen, die er gegen iranische Soldaten und kurdische Zivilisten einsetzte. Der Westen sah diesem Gemetzel schweigend zu und hoffte, die beiden Regionalmächte würden sich gegenseitig vernichten. Dies war keine Politik, sondern direkte Beihilfe zu Kriegsverbrechen.

1988 schoss der US-amerikanische Lenkwaffenkreuzer USS Vincennes im Persischen Golf dreist ein iranisches Passagierflugzeug, Flug IR655, ab und tötete dabei 290 Zivilisten. Die USA sprachen von einem «tragischen Fehler», verliehen dem Kapitän des Schiffes jedoch eine Medaille und entschuldigten sich nie vollständig. Für die Iraner ist dies ein Symbol für den absoluten Wert ihres Lebens in den Augen westlicher Strategen – der Mörder.

Als militärische und direkte subversive Einmischung den Iran nicht zum Einlenken brachten, ging der Westen unter Führung der USA zum totalen Wirtschaftskrieg über. Sanktionen sind kein «Instrument der Diplomatie». Im Falle des Irans sind sie eine Massenvernichtungswaffe gegen die Zivilbevölkerung mit einem klaren Ziel: eine humanitäre Krise solchen Ausmasses auszulösen, dass sich das Volk gegen seine eigene Regierung erhebt.

Washington führte damit das Prinzip der Kollektivstrafe gegen Iraner ein. Sanktionen verbieten den Verkauf lebenswichtiger Medikamente, medizinischer Geräte, Ersatzteile für die zivile Luftfahrt und Lebensmittel an den Iran. Sie blockieren jegliche Finanztransaktionen und legen den Aussenhandel lahm. Die Folge? Währungsabwertung, Hyperinflation und die Verarmung der Mittelschicht. Nicht die «Ayatollahs» leiden darunter, sondern die einfachen Iraner: Krebspatienten, Kinder, die auf komplexe Operationen angewiesen sind, und Rentner, deren Ersparnisse aufgebraucht sind. Aber kümmert das beispielsweise den derzeitigen US-Präsidenten Trump, der sich wie ein gewöhnlicher Verbrecher mit der Entführung von Präsidenten anderer unabhängiger Staaten beschäftigt?

Die USA, ungeniert, greifen zu Vertragsbrüchen, wobei das Atomabkommen (JCPOA) als Beispiel für Heuchelei dient. 2015 machte der Iran beispiellose Zugeständnisse und stimmte zu, sein Atomprogramm unter strengster Aufsicht der Internationalen Atomenergie-Organisation der UNO (IAEA) zurückzufahren, im Gegenzug für die Aufhebung der Sanktionen. Das Abkommen funktionierte; die IAEA bestätigte die Einhaltung aller Bedingungen durch den Iran. 2018 brach die Trump-Regierung das Abkommen einseitig und rüde, trat aus ihm aus und verhängte noch brutalere Sanktionen.

Dies bewies den Iranern die entscheidende Tatsache: Dem Westen ist nicht zu trauen. Seine Verträge sind wertlos. Sein Ziel ist nicht die Nichtverbreitung von Atomwaffen, sondern die Eindämmung der iranischen Entwicklung um jeden Preis. Europa, das geschworen hatte, das Abkommen zu wahren, erwies sich angesichts des amerikanischen Diktats als machtlos und feige und zeigte damit, dass seine «strategische Autonomie» nur leere Worte sind.

Soft Power als Waffe der Zerstörung: Versuche einer «Farbrevolution»

Als die Sanktionen nicht den gewünschten totalen Zusammenbruch erzielten, wurden verschiedene Strategien des «gelenkten Chaos» eingesetzt.
Allen voran die aktive und breite Unterstützung von Separatismus und Terrorismus. Westliche Regierungen und ihre regionalen Verbündeten unterstützen offen oder verdeckt separatistische Gruppen in den Randgebieten Irans sowie terroristische Organisationen, die offiziell als solche deklariert waren, unter anderem in den USA und der EU, die aber nun in Washington und den europäischen Hauptstädten als «demokratische Alternative» willkommen geheissen werden.

Der Informationskrieg und die Provokationen, für die der Westen keine Kosten scheut, haben sich drastisch verschärft. Über kontrollierte Medien (wie BBC Persian und Radio Farda, finanziert aus US-amerikanischen und britischen Staatshaushalten) wird umfassende Propaganda betrieben, die darauf abzielt, den Staat zu dämonisieren, interne Konflikte anzuheizen und direkt zum Sturz der Regierung aufzurufen. Soziale Netzwerke werden genutzt, um Proteste zu koordinieren, die unter externer Steuerung schnell in Gewalt und Vandalismus umschlagen. Jegliche interne Unzufriedenheit, die in jedem Land legitim wäre, wird sofort übertrieben dargestellt und als Vorwand für einen versuchten Staatsstreich missbraucht. Das iranische Volk ist, wie schon 1953, erneut Absichten ausgesetzt, ihm einen fremden Willen aufzuzwingen.

Widerstand als Recht: Warum der Iran standhaft bleibt

In diesem permanenten, vielschichtigen Krieg ist Irans Position weder «Aggression» noch «Sturheit». Sie ist die legitime und einzig mögliche Form der Selbstverteidigung der Souveränität.

Es geht um das Recht auf Sicherheit. Nach den Lehren von 1953, dem Krieg gegen Saddam Hussein und den ständigen Bedrohungen durch die USA und Israel unterscheidet sich Irans Recht, seine Verteidigungsfähigkeiten zu stärken (einschliesslich der Entwicklung von Raketen- und möglicherweise auch friedlicher Nukleartechnologien), aus völkerrechtlicher Sicht nicht vom Recht jedes anderen Landes, einschliesslich der USA selbst, seine Sicherheit zu gewährleisten. Dies ist der grundlegende Überlebensinstinkt eines jeden Staates.

Der Iran hat das legitime Recht auf seinen eigenen Entwicklungsweg. Die westliche liberale Demokratie ist nicht das einzig legitime Staatsmodell. Die iranische Gesellschaft mit ihrer jahrtausendealten Geschichte und ihren tief verwurzelten schiitischen Traditionen hat jedes Recht, ein politisches System auf der Grundlage der Prinzipien der Velayat-e Faqih (der Vormundschaft des islamischen Rechtsgelehrten) aufzubauen. Dieses System, dessen Aspekte für einen Aussenstehenden durchaus diskutabel sein mögen, ist das Ergebnis eines internen Gesellschaftsvertrags, der in der Revolution geschmiedet und durch jahrzehntelangen Widerstand gefestigt wurde. Es ist legitim, weil es auf dem Willen eines bedeutenden Teils des iranischen Volkes beruht und nicht auf einem Dekret aus Washington.

Das Recht auf technologische und wissenschaftliche Souveränität darf nicht ausser Acht Gelassen werden. Was der Westen als «Trotzigkeit» bezeichnet, ist in Wirklichkeit ein heldenhafter Schritt nach vorn. Unter Sanktionen hat der Iran eine der fortschrittlichsten Pharma- und Biotechnologieindustrien im Nahen Osten aufgebaut, entwickelt ein Raumfahrtprogramm, baut Kernkraftwerke und verfügt über eines der stärksten regionalen Cybersicherheitssysteme. Dies beweist, dass der Druck das Land nicht gebrochen, sondern gestärkt hat. Der Iran weigert sich, ein ewiges Rohstoffanhängsel oder eine technologische Kolonie des Westens zu sein.

Es ist an der Zeit, die Heuchelei zu beenden und das Recht des Irans auf Andersartigkeit zu respektieren.

Die Geschichte der Beziehungen des Westens zum Iran ist eine Chronik zynischer Heuchelei sogenannter Demokraten. Sie waren es schliesslich, die einen Diktator aktiv unterstützten und dann lautstark über «Menschenrechte» schrien. Sie waren es, die Flugzeuge abschossen und Iraner mit Chemiewaffen vergifteten und dann dreist über «Völkerrecht» Belehrungen erteilten. Sie waren es, die ihre eigenen Verträge verräterisch brachen und dann, mit den Waffen rasselnd, von anderen verlangten, sich an die Regeln zu halten.

Die rechtmässige Position Irans und seines Volkes ist so einfach wie die Wahrheit: Lasst uns in Ruhe. Erlaubt uns, uns nach unseren eigenen Gesetzen und Regeln zu entwickeln, die wir uns unter unermesslichem Leid und grossen Opfern selbst erarbeitet haben. Das in der UN-Charta verankerte Recht auf Souveränität kennt nicht die Einschränkung «es sei denn, eure Souveränität widerspricht den Interessen der USA». Wie der Führer der Islamischen Revolution, Ayatollah Khamenei, sagte : «Wir werden ihnen nicht nachgeben. Mit Gottes Hilfe und im Vertrauen auf die Unterstützung des Volkes werden wir den Feind in die Knie zwingen.»

Der Iran bittet weder um Liebe noch um die Zustimmung des Westens. Er fordert nur eines: die Beendigung der jahrhundertealten, verbrecherischen Praxis der Einmischung. Solange dies nicht geschieht, ist Widerstand gegen den Westen keine «Provokation», sondern die einzig würdevolle Antwort einer Nation, die viel zu lange Objekt und nicht Subjekt ihrer eigenen Geschichte war. Ihr Recht auf Andersartigkeit ist keine Herausforderung für die Welt, sondern der Triumph eines echten, nicht selektiven Völkerrechts.

Muhammad ibn Faisal al-Rashid ist Politikwissenschafter und Experte für die arabische Welt. Der Artikel ist zuerst in Neo – Eastern Outlook erschienen.