kommunisten.ch

kommunisten.ch

Gedenktafel im Ort Staro Gračko, wo am 23. Juli 1999, nach dem erzwungenen Abzug der jugoslawischen Truppen, 14 Serben im Alter zwischen 15 und 60 Jahren bei der Erntearbeit getötet (sogenanntes Erntemassaker) wurden. Der Vorfall zeigt, dass der Anti-Terror-Einsatz der jugoslawischen Armee zum Schutz der Bevölkerung nicht unbegründet war. Links im Bild auf der Gedenktafel sind auch die Toten aus dem NATO-Krieg von 1999 aufgeführt. Fotografie aus dem Projekt: «Koreni Duše». Foto: Darko Dozet

Wie Human Rights Watch den Boden für die Zerschlagung Jugoslawiens bereitete

von KIT KLARENBERG, 31. Januar 2026

Am 25. August 2025 dokumentierte ich, wie die Helsinki-Akte von 1975 die «Menschenrechte» in eine hochdestruktive Waffe im imperialen Arsenal des Westens verwandelte. An vorderster Front dieser Entwicklung standen Organisationen wie Amnesty International und Helsinki Watch – die Vorläuferorganisation von Human Rights Watch (HRW). Die angeblich unabhängigen Berichte dieser Organisationen wurden zu verheerend wirksamen Instrumenten, um Sanktionen, Destabilisierungskampagnen, Putsche und offene Militärinterventionen gegen vermeintliche Menschenrechtsverletzer im Ausland zu rechtfertigen. Ein anschauliches Beispiel für die Zweckdienlichkeit von HRW in diesem Zusammenhang liefert die Zerschlagung Jugoslawiens.

Im Dezember 2017 veröffentlichte Human Rights Watch (HRW) einen selbstlobenden Aufsatz, in dem die Organisation damit prahlte, wie ihre «Echtzeit-Berichterstattung über Kriegsverbrechen» während der Anfangsphase des bosnischen Bürgerkriegs 1992 und ihr unabhängiges Lobbying für einen Rechtsmechanismus zur «Bestrafung der für die im Konflikt begangenen Gräueltaten verantwortlichen Militär- und Politikführer» zur Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (IStGHJ) beigetragen hätten. Dokumente der Columbia University belegen die grundlegende Rolle von HRW bei der Gründung des IStGHJ im Mai 1993.

Diese Akten dokumentieren zudem detailliert die «Kooperation von HRW bei verschiedenen strafrechtlichen Ermittlungen» des Internationalen Strafgerichtshofs für Jugoslawien (IStGHJ) gegen ehemalige jugoslawische Beamte «durch gegenseitigen Informationsaustausch». Die Organisation betont nachdrücklich ihre engen, historischen Verbindungen zum Tribunal und wie die Arbeit des IStGHJ die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs angestossen hat. Doch in diesen verherrlichenden Darstellungen fehlt jeglicher Hinweis auf den entscheidenden Beitrag von HRW bei der Herstellung der öffentlichen und politischen Zustimmung zum Zerfall Jugoslawiens, der jene Gräueltaten hervorbrachte, die die Organisation mitdokumentierte und verfolgte.

Im November 1990 veröffentlichte Jeri Laber, Gründungsmitglied von Human Rights Watch, einen tendenziös betitelten Meinungsbeitrag in der New York Times mit dem Titel «Weshalb Jugoslawien als Staat erhalten?». Inspiriert von einer kürzlich unternommenen Reise in den Kosovo, beschrieb Laber, wie die Erfahrungen ihres Teams vor Ort in der serbischen Provinz HRW zu «ernsthaften Zweifeln daran geführt hatten, ob die US-Regierung die nationale Einheit Jugoslawiens weiterhin stärken sollte». Stattdessen schlug sie vor, die Zerstörung des Landes aktiv zu fördern und entwarf einen präzisen Fahrplan, mit dem Washington dieses Ziel erreichen könnte.

Konkret ging es darum, ausschliesslich den Teilrepubliken Jugoslawiens finanzielle Hilfe anzubieten, «um sie bei ihrem friedlichen Übergang zur Demokratie zu unterstützen», während die «schwachen» Bundesbehörden von jeglicher «wirtschaftlicher Unterstützung» ausgenommen wurden. Sie schloss mit Nachdruck: «Es gibt kein moralisches Gesetz, das uns verpflichtet, die nationale Einheit Jugoslawiens zu wahren.» Zufälligerweise hatten US-Abgeordnete nur wenige Tage zuvor mit der Abstimmung über das Gesetz zur Finanzierung ausländischer Operationen begonnen, das Labers Vorschläge als offizielle Regierungspolitik festschrieb.

Unter der Schirmherrschaft dieses Gesetzes gewährte Washington der jugoslawischen Zentralregierung keinerlei «direkte Hilfe». Darüber hinaus wurde den Teilrepubliken des Landes die Finanzhilfe vorenthalten, sofern sie nicht innerhalb von sechs Monaten unter Aufsicht des US-Aussenministeriums Wahlen abhielten. Mit einem Schlag wurde die Zentralgewalt Belgrads neutralisiert und der Grundstein für erbitterte, blutige Unabhängigkeitskriege in der gesamten multiethnischen und multireligiösen Föderation gelegt. Erschreckenderweise war sich Human Rights Watch dieser «unvermeidlichen» Folge der Auflösung der jugoslawischen «nationalen Einheit» durchaus bewusst.

«Multinationales Experiment»

Im Januar 1991 veröffentlichte Human Rights Watch eine Untersuchung mit dem Titel «Menschenrechte im zerfallenden Jugoslawien». Laber war die Hauptautorin, und die Ergebnisse stützten sich massgeblich auf ihren Besuch im Kosovo im Vorjahr. Der Bericht stellte fest, dass die serbische Provinz aufgrund des massiven Truppenaufmarsches der jugoslawischen Armee «eine der schwersten Menschenrechtsverletzungen in Europa» aufgewiesen habe. Infolgedessen habe es im Kosovo von Soldaten und Strassensperren gewimmelt. Zahlreiche anonyme Albaner berichteten HRW von grausamen Gräueltaten, die angeblich von Militär- und Sicherheitskräften an Zivilisten verübt worden waren.

Der Bericht räumte kurz ein, dass Serben und andere ethnische und religiöse Minderheiten im Kosovo zuvor von Teilen der albanischen Bevölkerung der Provinz und von lokalen Regierungen, die sich überwiegend aus ethnischen Albanern zusammensetzten, «Misshandlungen» erlitten hatten. Er wies auch darauf hin, dass frühere HRW-Missionen im Kosovo zu dem Schluss gekommen waren, dass die Mission des jugoslawischen Militärs darin bestand, «die serbische Minderheit zu schützen». Der Bericht behauptete jedoch, es gebe nun «keine Rechtfertigung» mehr für die Präsenz der Armee, und ihr wahrer Zweck sei es, im Auftrag der serbischen Regierung die «albanische Identität vor Ort zu unterdrücken».

Dass Nicht-Albaner im Kosovo vor dem Einmarsch der jugoslawischen Armee «Misshandlungen erlitten», ist eine gewaltige Untertreibung. Wie die New York Times im November 1982 berichtete, hatten albanische Ultranationalisten in den vergangenen Jahren einen brutalen «Terrorkrieg» geführt, um einen «von allen Slawen gesäuberten» Kosovo zu schaffen. Allein in jenem Jahr flohen 20 000 verängstigte Serben aus der Provinz. 1987 hielt die Zeitung fest, wie sich dieser barbarische Feldzug so weit verschärft hatte, dass jugoslawische Beamte und Bürger im ganzen Land den Ausbruch eines Bürgerkriegs befürchteten.

«Es besteht kein Zweifel, dass Kosovo ein Problem für das ganze Land ist, ein Pulverfass, auf dem wir alle sitzen», wurde der slowenische Kommunistenchef Milan Kucan zitiert, der drei Jahre später die Unabhängigkeit seiner Republik von Jugoslawien anführte. «Offizielle in Belgrad» aller ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten betrachteten die «Herausforderung» der kosovo-albanischen Separatisten als «Gefährdung der Grundlagen» des «multinationalen Experiments» des Landes. Sie warnten vor einer «Libanonisierung» ihres Staates und verglichen die Situation mit den «Troubles» im britisch besetzten Irland:

«Während Slawen vor der anhaltenden Gewalt fliehen, entwickelt sich Kosovo zu dem, was albanische Nationalisten seit Jahren fordern: eine ‹ethnisch reine› albanische Region. Im vergangenen Sommer dokumentierten die kosovarischen Behörden 40 Angriffe von Albanern auf Slawen innerhalb von zwei Monaten. Slawisch-orthodoxe Kirchen wurden angegriffen und Flaggen heruntergerissen. Brunnen wurden vergiftet und Ernten verbrannt. Slawische Jungen wurden erstochen, und einige junge Albaner wurden von ihren Ältesten dazu aufgefordert, serbische Mädchen zu vergewaltigen.»

Anfang des Jahres verurteilte das neunköpfige Belgrader Präsidium unter Führung von Sinan Hasani – selbst Kosovo-Albaner – die Aktionen der Ultranationalisten in der Provinz offiziell als «konterrevolutionär». Im Jargon des sozialistischen Jugoslawien war dies die schwerwiegendste Verurteilung, die die Staatsführung aussprechen konnte. Hasani gehörte dem Präsidium auch im Februar 1989 noch an, als dessen Mitglieder einstimmig den Ausnahmezustand im Kosovo ausriefen, was zum Einsatz des Militärs führte.

HRW hat es in seinem Bericht völlig versäumt, diesen komplexen und wesentlichen Kontext zu beleuchten. Auch die angespannte Lage für Nicht-Albaner im Kosovo wurde nicht ausreichend berücksichtigt, da Serben, die vor den sich zuspitzenden ethnischen Spannungen in anderen Teilen Jugoslawiens flohen, von den Behörden ausdrücklich davor gewarnt wurden, in der Provinz Zuflucht zu suchen. Diese Versäumnisse sind umso unverzeihlicher, als die verzerrte Sichtweise von HRW auf die Ereignisse im Kosovo zentral für die Schlussfolgerung des Berichts war – die USA sollten die jugoslawische Bundesregierung wegen Menschenrechtsverletzungen sanktionieren.

Dieses Ergebnis wurde erzielt, obwohl HRW einräumte, dass weithin angenommen werde, Strafmassnahmen gegen Belgrad würden «unweigerlich» zum Zerfall des Staatenbundes führen, wodurch die Menschenrechte «mit ziemlicher Sicherheit beeinträchtigt würden». Die Organisation unterstützte diese Position jedoch nicht, da sie es für weitaus dringlicher hielt, dass Washington seine Missbilligung der angeblichen Menschenrechtsverletzungen im Kosovo durch destruktive Sanktionen zum Ausdruck bringe. Erstaunlicherweise betonte HRW zudem, es nehme «keine Stellung dazu, ob Jugoslawien als Land bestehen bleiben sollte oder nicht».

«Gemeinschaftliche Gewalt»

Im Dezember 2002 sagte Jeri Laber als Sachverständige im Prozess gegen Slobodan Milosevic vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (IStGHJ) aus. Im Kreuzverhör durch den angeklagten ehemaligen serbischen und jugoslawischen Präsidenten offenbarte sie eine erschreckende Unkenntnis der Kultur, Geschichte, des Rechts- und Politiksystems des sozialistischen Jugoslawien und vielem mehr. So wusste Laber beispielsweise nicht, dass Tito, der Gründer und langjährige Präsident des Staatenbundes, bekanntermassen Kroate war. Ihr eklatantes Unverständnis für die lokalen Gegebenheiten erwies sich als besonders problematisch, als Milosevic einen Bericht von Human Rights Watch (HRW) vom August 1991 über den kroatischen Bürgerkrieg analysierte.

Die Untersuchung enthielt eine Reihe gewagter Behauptungen zu diesem Konflikt. Sie beschrieb die «Wiederbelebung des kroatischen Nationalismus», die zu der tödlichen Konfrontation geführt habe, als «Reaktion auf 45 Jahre kommunistischer Unterdrückung und serbischer Hegemonie». Die Kroaten seien verbittert darüber, dass Zagreb in Jugoslawien ein Vasallenstaat Belgrads gewesen sei. Human Rights Watch (HRW) unterstellte Milošević – ohne Beweise – die persönliche Verantwortung für die Schürung lokaler Spannungen und Gewalt. Die westliche Unterstützung von Nazi-verehrenden kroatischen Führern, die offen die vollständige Auslöschung der serbischen Bevölkerung ihrer Republik befürworteten, wurde verschwiegen.

Milosevic fragte Laber, wie HRW zu dem Schluss kommen konnte, dass Kroatiens Mitgliedschaft im sozialistischen Jugoslawien fast ein halbes Jahrhundert «serbischer Hegemonie» bedeutete, da in der gesamten Geschichte des Bundesstaates nur einmal ein Serbe das Amt des Ministerpräsidenten innehatte – und zwar für vier Jahre. Er bezweifelte zudem, dass ihr bekannt sei, dass die drei Ministerpräsidenten Belgrads von 1982 bis 1992 allesamt Kroaten waren, dass Kroaten während des Kroatienkrieges den jugoslawischen Verteidigungsapparat führten und dominierten und dass «alle Ethnien laut Gesetz proportional» in Regierung und Militär vertreten waren.

Laber gestand, keine einzige dieser unbequemen Wahrheiten gekannt zu haben, was die Aussagen aller HRW-Berichte über Jugoslawien, die während ihrer Amtszeit veröffentlicht wurden, fatal untergrub – Berichte, die zur Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (IStGHJ) und zu den Anklagen führten. Im Zeugenstand wehrte sie sich hilflos und argumentierte, die unzähligen offenkundig falschen Behauptungen in den verschiedenen Jugoslawien-Untersuchungen von HRW seien nicht als unabhängige Erkenntnisse ihrer Organisation gedacht gewesen und hätten keinerlei Bezug zur Realität, sondern spiegelten lediglich wider, was einige Menschen vor Ort gegenüber HRW- Forschern geäussert hatten:

«Wir haben nicht behauptet, dass dies der Wahrheit entspräche, sondern versuchten lediglich, die Haltung zu erklären, die wir wahrgenommen hatten, das, was uns die Leute vor Ort erzählten … Es gab keine Absicht oder Andeutung … das war unsere Einschätzung. Wir sagten nur, dass die Kroaten von der jahrzehntelangen serbischen Hegemonie sprachen. Das war ihre Sichtweise, nicht unsere … Wir versuchten … Menschen, die nicht in Jugoslawien lebten, eine sehr komplizierte Situation so einfach wie möglich zu erklären.»

Solche entscheidenden, sich selbst widerlegenden Vorbehalte fehlten natürlich in den Berichten von Human Rights Watch zum Zerfall Jugoslawiens und den zahlreichen daraus resultierenden internen Konflikten, die die Organisation aktiv förderte und begünstigte. Dass Labers unkluge Äusserungen die US-Politik prägten und rechtfertigten, obwohl sie die grundlegendsten Fakten über Jugoslawien nicht kannte, ist ein beunruhigendes Zeugnis für die traurige Qualität von «Expertise», die routinemässig zur Verfolgung der imperialen Ziele Washingtons instrumentalisiert wird. Die Folgen des Zerfalls der Föderation waren völlig vorhersehbar und wurden sogar schon damals von dem Wissenschafter Robert Hayden prognostiziert.

In einem Meinungsbeitrag der New York Times vom Dezember 1990 verurteilte Hayden – ein anerkannter Jugoslawien-Experte – Labers vehemente Forderung vom Vormonat, die USA sollten die Föderation zerschlagen, scharf als «bemerkenswert für ihren Mangel an Verständnis». Er warnte zu Recht: «Diejenigen, die das Land zerschlagen wollen, sind überzeugte Nationalisten, die Minderheiten innerhalb ihrer eigenen Grenzen wahrscheinlich nicht gut behandeln werden», und beschrieb gleichzeitig, wie die Interventionen des Bundesmilitärs im August desselben Jahres dazu beitrugen, einen bewaffneten Konflikt in Kroatien zu verhindern, der sich leicht über das ganze Land hätte ausbreiten können.

Hayden verglich Belgrads gegenwärtige Lage mit der Zeit vor dem US-Bürgerkrieg und warf den Aktivisten vor, es sei «wirklich bizarr, dass ‹Menschenrechtsaktivisten› so unbekümmert für eine Politik eintreten, die Jugoslawien wahrscheinlich zum Libanon Europas machen wird». Mit unheimlich präziser Voraussicht warnte er, dass im Falle eines Zusammenbruchs der föderalen Autorität Belgrads, «die Republiken mit ziemlicher Sicherheit gegeneinander kämpfen werden, aufgrund der grossen Minderheitenbevölkerungen, die über das ganze Land verstreut sind». Seine düsteren Vorahnungen hallen heute wie ein prophetischer Fluch wider, der sich auf traurige Weise bewahrheitet hat:

«Im besten Fall müssten wir mit strenger Repression, vielleicht Massenvertreibungen, der Zerreissung gemischter Städte und Familien rechnen, gefolgt von dauerhafter Feindseligkeit und … Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen, die die gegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen im Kosovo geradezu zivilisiert erscheinen lassen. Die Völker Jugoslawiens sind trotz ihrer Feindseligkeiten eng miteinander verbunden. Diese Bande lassen sich nicht zerreissen, zumindest nicht ohne Gräueltaten. Menschenrechtsaktivisten sollten daher Massnahmen in Betracht ziehen, die diese Völker zur Niederlegung ihrer Waffen bewegen, anstatt Massnahmen, die Bruderkrieg schüren.»

Der englische Originaltext ist auf Substack erschienen