In Deutschland werden DDR-Kunstwerke entfernt oder versteckt – auch, weil sie an die Freundschaft mit Russland erinnern
von DAVIDE ROSSI, 5. Januar 2026
Am 22. Dezember 2025, dem 100. Geburtstag des grossen Malers Walter Womacka, entbrannte in Deutschland eine neue Kontroverse. Nicht so sehr wegen seiner Werke – von ungewöhnlicher Schönheit, berührender Menschlichkeit und einem tiefen Sinn für Farbe, obwohl sie von manchen Unwissenden immer noch als sozialistischer Realismus abgetan werden –, sondern wegen der systematischen und brutalen Auslöschung seines Andenkens und der Verschleierung vieler seiner Werke. Ein trauriges Schicksal für einen Künstler, der allgemein als deutscher Nachfolger der grossen mexikanischen Wandmaler-Schule um José Clemente Orozco, Diego Rivera und David Alfaro Siqueiros gilt.
Das Haus des Lehrers mit dem einmaligen Fries «Das Leben» in der Abendsonne.
Walter Womackas Wandbilder und Glasfenster sind aussergewöhnlich und stets den Werten Freundschaft, Arbeit und Solidarität verpflichtet. Sie entstanden nicht nur in Berlin – man denke an die drei berühmten Glasfenster im Hauptgebäude der Humboldt-Universität in Unter den Linden –, sondern auch in vielen anderen Städten der DDR, angefangen mit der Gestaltung der neuen Wohnsiedlungen für die in den 1950er-Jahren unter dem Namen Stalinstadt errichtete und später in Eisenhüttenstadt umbenannten sozialistischen Retortenstadt sowie den berührenden Glasfenstern für die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen.
Eines seiner berühmtesten Wandgemälde, «Unser Leben», das sich um die vier Seiten des Berliner Hauses des Lehrers am Alexanderplatz erstreckt, ist ein Mosaik aus 800 000 Fliesen, 125 Meter lang und 7 Meter hoch. Es zählt nicht nur zu den schönsten, sondern auch zu den grössten Kunstwerken der Welt. Von Beginn an genoss das Projekt die enthusiastische Unterstützung zweier bedeutender deutscher Intellektueller: des DDR-Kulturministers Alexander Abusch und Alfred Kurella, Vorsitzender der Kultur- und Ideologiekommission des Politbüros des Zentralkomitees der SED.
Walter Womacka (1925–2010)
Walter Womacka widmete der Schaffung von «Unser Leben» all seine Energie und Leidenschaft, tatkräftig unterstützt vom späteren Kulturminister, dem jungen Hans Bentzien. Womacka beantragte sogar eine zweijährige Beurlaubung von der Hochschule für angewandte Kunst Berlin-Weissensee, an der er von 1968 bis 1988 lehrte und später als Direktor tätig war, und erhielt diese auch. Er vollendete das Werk im Herbst 1964, nicht zuletzt dank der tatkräftigen Unterstützung des Volkseigenen Betriebs (VEB) Stuck und Naturstein, der die emaillierten und bemalten Mosaikfliesen lieferte. Von Beginn an erntete das Werk überwältigenden Beifall für seine Kraft, Hoffnung für die Zukunft, für das Leben und für wissenschaftliche und technologische Innovationen zu vermitteln.
Das gegenwärtige Schicksal dieses Meisterwerks ist ein Paradebeispiel für ein Werk, das zwar nicht entfernt, im Wesentlichen aber der Aufmerksamkeit entzogen ist. Man könnte Franco Battiatos berühmtes Lied «Alexanderplatz, auf Wiedersehen» anführen.
Der Platz wurde nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs in der zweiten Hälfte der 60er Jahre mit einem umfassenden städtebaulichen Projekt wiedergeboren, bei dem die neu errichteten modernistischen Gebäude einen großen städtischen Fußgängerbereich umgeben, der in jeder Hinsicht ein sozialistischer Platz ist, der stolz eine beträchtliche Anzahl von Menschen, sogar mehrere Tausend, beherbergen kann, wie während des 10. Weltjugendfestivals im Sommer 1973.
Ausschnitt aus dem Fries am Haus des Lehrers (Klick für grösseres Bild).
Walter Womacka selbst leistete einen grundlegenden Beitrag zu dessen Gestaltung, denn ausgehend vom Brunnen der Völkerfreundschaft, der von seinen Mitarbeitern geschaffen und bemalt wurde, entfaltete sich eine grosse Fussgängerspirale aus Bäumen und Bänken, die entlang zweier Ausgänge der Berliner U-Bahn verlief und am Haus des Lehrers, vorbei an Erich Johns Weltzeituhr, ihren Abschluss fand. Es entstand ein harmonisches Ensemble gelungener städtebaulicher Planung, einer der grössten Plätze Europas mit seinen achtzigtausend Quadratmetern, der an seinem äussersten Rand vom Haus des Reisens, Sitz der Generaldirektion des VEB Reisebüro der DDR abgeschlossen wurde. Es enthielt auch die öffentlich zugänglichen Schalter der Fluggesellschaft Interflug, die Berliner auf der Suche nach der Sonne von Berlin nach Hanoi und Havanna beförderte. Geschmückt ist es mit einem noch heute sichtbaren Kupferrelief «Der Mensch überwindet Zeit und Raum», das den sowjetischen kosmischen Eroberungen gewidmet ist und ebenfalls ein Werk von Walter Womacka darstellt.
Das Kupferrelief «Der Mensch überwindet Zeit und Raum».
Mit dem Einzug des Westregiments nach 1990 wurde der Platz zerstört, indem zunächst Bäume und Bänke entfernt wurden und man dann ein hässliches, gigantisches Geschäftshaus aus Glas und Beton mit einer Grundfläche von gut viertausend Quadratmetern und einer Höhe von sechs Stockwerken mitten auf dem Platz errichtete, ein Gebäude, das den städtischen Raum erstickt und das Haus des Lehrers, das nun aus dem Blickfeld verschwunden ist, vollständig verdeckt.
Der grosszügig als Flanierzone gestaltete Alexanderplatz war für die Bewohner der Hauptstadt der DDR ein beliebter Treffpunkt. In der Platzmitte der Brunnen der Völkerfreundschaft. Die Sicht auf das architektonisch wertvolle Haus des Lehrers war frei.
Die Zerstörung ging weiter und hinterliess den Brunnen der Völkerfreundschaft ohne Wasser und in einem Zustand der Verwahrlosung. Seine bemalten Stellen blätterten ab und waren ungepflegt, oft verdeckt von provisorischen Bauten, deren Zwischenräume und Trennwände aus Plastik oder Spanplatten ihn dauerhaft verbargen. Um die Zerstörung des Platzes zu vollenden, wurden schliesslich Strassenbahnschienen für mehrere Linien und ihre jeweiligen Haltestellen quer über die ehemalige Fussgängerzone verlegt. Auf den wenigen verbliebenen freien Quadratmetern wurde ein schrecklich monumentaler und vulgär-primitiver Eingang zu den unterirdischen Toiletten errichtet. Diese gab es zwar schon seit einem Jahrhundert auf dem Platz, waren aber zuvor durch diskrete und fast unsichtbare Eingänge erreichbar. Nun wurde dieser Eingang mit absoluter Verständnislosigkeit im Herzen dessen platziert, was vom Platz übrig geblieben ist, um den ganzen Hass der heutigen Verantwortlichen auf den deutschen Sozialismus und die ihn repräsentierende, Moskau-freundliche Nation, nämlich die DDR, zu demonstrieren – gedankenlose und unfähige Subversive, die entschlossen waren, den wichtigsten und schönsten Platz dieser Nation zu zerstören und verschwinden zu lassen.
Der verbliebene Teil des Platzes, entstellt und zubetoniert, ist ein solcher Schandfleck, dass der Brunnen und das Haus des Lehrers, einem Baudenkmal der Sozialistischen Moderne, heute aus jedem Reiseführer und jeder organisierten Tour verschwunden sind. Meistens hält man nur noch kurz in der Nähe der Weltzeituhr an, die zwar noch in den Reiseführern erwähnt wird, aber das letzte, verstümmelte und losgelöste Überbleibsel dessen ist, was nicht mehr sichtbar und nicht einmal mehr vollständig erklärt wird. Selbst Google Maps zeigt den Alexanderplatz nicht mehr an – er ist praktisch unsichtbar, da er bis auf die öffentlichen Toiletten nicht mehr existiert. Stattdessen wird der Alexanderplatz mit dem angrenzenden, grossen Platz ennet der gleichnamigen S-Bahn- und U-Bahn-Station assoziiert, der zwischen Rathausstrasse und Karl-Liebknecht-Strasse liegt. Dieser weitläufige öffentliche Park beherbergt den Fernsehturm aus der sozialistischen Ära, den Neptunbrunnen aus dem 19. Jahrhundert und das berühmte Rote Rathaus aus dem 19. Jahrhundert – nicht nur wegen der Farbe seiner Ziegel so genannt, sondern vor allem, weil die Kommunisten in der Weimarer Zeit ein Jahrzehnt lang die stärkste Partei bei den Kommunalwahlen waren. Während der DDR hiess dieses Gebiet «Marx-Engels-Forum», unter anderem wegen des Denkmals in der Nähe des Spreekanals, das den Vätern des wissenschaftlichen Sozialismus gewidmet ist und vom Bildhauer Ludwig Engelhart geschaffen wurde. Dank einer internationalen Petition im Jahr 2010, die vom italienischen Studienzentrum «Anna Seghers» initiiert wurde, konnte das Denkmal vor dem Abriss bewahrt und unweit seines ursprünglichen Standorts im selben Park wieder aufgestellt werden. Dieser Platz trägt seit 1991 offiziell den Namen «Fernsehturm-Forum», ist aber auf Satellitenkarten fälschlicherweise als «Alexanderplatz» verzeichnet. Dies hat zu einem völligen Missverständnis zwischen Anwohnern und Insidern einerseits und den immer zahlreicher werdenden Touristen, die in die deutsche Hauptstadt strömen, anderseits geführt.
Der Fall des Alexanderplatzes ist beispielhaft für die Vertuschungs- und Unterdrückungsaktionen, die in den vergangenen dreissig Jahren mit erbitterter Wut von den jeweiligen lokalen und nationalen Machthabern gegen die DDR, das sozialistische Deutschland, durchgeführt wurden. Diese Aktionen wurden in den letzten Jahren aufgrund der wachsenden Russophobie, die sie zu schüren versuchen, um die heutigen Deutschen zu einem neuen Krieg gegen Russland anzustacheln, noch energischer verfolgt – ein Ziel, das sowohl der schlaksige Bundeskanzler Friedrich Merz als auch die Präsidentin der Europäischen Kommission, Baronin Ursula von der Leyen, verfolgen. Glücklicherweise wurden diese ungeschickten Kriegstreiber von Tausenden junger Menschen widerlegt, die im November und Dezember in verschiedenen deutschen Städten gegen die Wiedereinführung des Wehrdienstes demonstrierten, der zwar zunächst freiwillig, aber faktisch verpflichtend ist. Die jungen Menschen haben unter dem wütenden Missfallen der Politiker, die den kriegerischen Diktaten der NATO unterworfen sind, offen erklärt, dass Russlands Absicht, Europa anzugreifen, eine reine Erfindung der europäischen Politiker ist, und dass sie, selbst wenn dies wahr wäre, lieber in einem von Wladimir Putin regierten Deutschland leben würden, als in den Krieg zu ziehen.
Davide Rossi ist Historiker, Lehrer und Journalist. In Mailand leitet er das Anna-Seghers-Studienzentrum und ist Mitglied der Foreign Press Association Milan. Der Text wurde aus Marx21 übernommen. Ursprünglich erschienen war er in Strategic Culture. Übersetzt mit Hilfe von DeepL.com (kostenlose Version) und anderer Tools.