Fussball: Proletarischer Sport – maximale Kapitalisierung
von WERNER RÜGEMER, 9. Juli 2016
Der Sport gehört in den USA mit seiner Kapitalisierung und mit der Inszenierung einzelner Höchstleister, gerade wenn sie aus der Unterklasse und aus nicht-weissen Ethnien kommen, zur Softpower. Je mehr die USA und befreundete Staaten ihre Mehrheitsbevölkerungen verarmen – desto mehr soll die Nation durch Sporterfolge verschönt, aufgewertet und zusammengehalten werden. Je mehr die Völkerverständigung durch Kriege verletzt wird, desto mehr wird sie über Sportevents inszeniert, ersatzweise, etwa nach dem Vorbild des US-Basketball. So wurde und wird es auch beim Tennis und den Olympischen Spielen gemacht.
Fussball: Durch die Arbeiterklasse zum Massensport
Das Spielen mit einem Fussball wurde zwar in englischen Elite-Internaten entwickelt, war aber getänzeltes Dribbling von vornehmen Jugendlichen: Sie mussten sich gut benehmen und sich nicht gegenseitig anrempeln. Als im England des 19. Jahrhunderts dann die Zahl der Arbeiter schnell anstieg und sie sich durch Gewerkschaften und Streiks auch Freizeit erkämpften, holten sie sich den Fussball – aber machten daraus einen Kampfsport, mit Körpereinsatz in gemeinsam kämpfenden Mannschaften, gegeneinander, schneller, kämpferischer, auch mit immer mehr miteifernden, feiernden Zuschauern, ebenfalls aus der Arbeiterklasse.
Danach – wir überspringen mehrere historische Stationen – wurde auch der wirkmächtigste proletarische Sport, der Fussball, schrittweise kapitalisiert und globalisiert, zunächst durch immer reichere Sponsoren, Unternehmer, dann immer mehr durch die reichen Scheichs der Golfstaaten – und zuletzt, international, global durch den Welt-Fussballverband Fifa. Der Massensport wurde zur Geschäftsgrundlage, auch weil er Massen der unteren Klassen immer noch und in den Entwicklungsländern ganz neu begeistern kann – obwohl er zunehmend gekauft ist.
Da gibt es schon mal Proteste, etwa wenn der grösste Rüstungskonzern in Deutschland, Rheinmetall, 2024 sich als populistische Massnahme zum Sponsor des führenden Fussballclubs Borussia Dortmund machte. Aber solche Proteste versanden. Leitmedien und die hochverdienenden Trainer und Spitzenspieler spielen in der Profitmaschine mit. Und keine staatliche Zwangs-Tagesschau kommt am Ende ohne Szenen der Bundesliga aus: Der Volkswirtschaft und den Lohnabhängigen mag es noch so schlecht gehen, die Bundesregierung mag noch so unbeliebt sein – aber die «Massen» machen beim Fussball noch mit, begeistern sich, freuen sich gemeinsam, wenigstens hier.
Hier wird noch richtig gekämpft, auf diesem Spielfeld. Wer in seiner Gewerkschaft nicht so richtig kämpfen kann oder darf oder sowieso in keiner Gewerkschaft ist, in der Arbeitslosen-Arbeiter-Ruhrgebietsstadt Dortmund – hier darf er sich an schönen Mannschaftskämpfen freuen und mitfiebern, auch wenn die hohen Einkommen nur bei ein paar Dutzend überreicher Spielerstars landen.
Fussball-Weltcup 2026: Jetzt auch der Globale Süden dabei
Der bisherige Höhepunkt der Kapitalisierung des Fussballs ist die Weltmeisterschaft 2026 in den USA, mit den Neben-Austragungsorten Mexiko und Kanada. Mit der erweiterten Zahl der nun 48 Nationalmannschaften wurden vor allem Mannschaften des Globalen Südens neu einbezogen, auch sehr kleine und arme Staaten, vor allem zehn aus Afrika: Marokko, Senegal, Ägypten, Algerien, Kap Verde, Elfenbeinküste, Südafrika, Ghana, DR Kongo und Tunesien. Sie kommen damit vielfach zum ersten Mal auf die Weltbühne.
Viele ihrer Spieler sind in Fussballclubs reicher Staaten wie England, Frankreich, Deutschland, Portugal, Spanien und neuerdings den Golfstaaten gross geworden, als hochbezahlte, medial gefeierte, einzelne Söldner – aber in den Nationalmannschaften ihrer Herkunftsstaaten, jetzt zusammen mit den einheimischen Mitspielern, in einer gemeinsam kämpfenden Mannschaft, können sie nun auch von ihren eigenen Bevölkerungen viel intensiver gefeiert werden. Gefeiert wird auch in den Migranten-Vierteln der reichen Staaten. Auch die meist armen Menschen in den armen Staaten sehen und fühlen sich aufgewertet; sie verbreiten ihre Freudentänze in ihren Smartphones und nationalen Fernsehsendungen – und werden auch in den Leitmedien der reichen Staaten (ein wenig) gezeigt.
Neue Symbiose: Fifa mit US-Kapitalisten und US-Regierung
So fanden die Fifa und der extrem populistisch die Arbeiter umwerbende gegenwärtige US-Präsident, gleichzeitiger Mehrfach-Milliardär, zu einer Symbiose. Fifa-Präsident Gianni Infantino nahm seinen Wohnsitz in Miami, in der Nachbarschaft seines angebeteten US-Präsidenten Donald Trump. In dessen New Yorker Hochhaus mietete die Fifa ein Büro – es wird kaum benutzt, aber Miete wird gezahlt. Infantino gründete den Fifa-«Friedenspreis» und verlieh ihn an Trump, als Ersatz für den von Trump gewünschten Friedens-Nobelpreis. Die Fifa will mit Fussball die Welt zu einem besseren Ort machen – Trump will die Welt zu Frieden und die Arbeiter in den USA zu neuem Wohlstand führen.
Fussball spielt in den USA bisher eine untergeordnete Rolle, gewinnt aber langsam an Bedeutung – aber umso mehr neben Europa schon länger eben auch in armen Staaten des Globalen Südens, in Lateinamerika und besonders in Afrika. Das hatten im letzten Jahrzehnt auch die mit den USA eng verbundenen Golfstaaten schon entdeckt: Sie holten sich den Fussball, auch um ihre Millionen armer migrantischer Arbeiter aus Asien mit dieser Softpower zu überziehen, aber um zugleich auch ein neues globales Geschäftsfeld zu entwickeln, wie mit anderen Sportarten.
So wurde der Fussball Weltcup 2026 im Zusammenspiel der mehrheitlichen US-Sponsoren, der US-Regierung, der US-Leitmedien und der Fifa in erweiterter Form kapitalistisch-geopolitisch überlagert. Vor allem US-Weltkonzerne wie Coca Cola, McDonald’s, VISA, Bank of America, Verizon (Funknetze) und Betano (Sportwetten) nutzen ihre schon bisherige Rolle als Sponsoren für global erweiterte Eigenwerbung und Geschäfte, auch in Lateinamerika, vor allem in Afrika. Der Fifa-Konzern, der seinen Geschäftssitz in der Finanz- und Steueraose Schweiz hat, erwartet Gewinne bis 14 Milliarden US-Dollar.
US-Befehl: Sklavenaufstands-Symbol vom Mannschaftstrikot entfernen!
So sind zwar einige Austragungsorte auch in Mexiko und Kanada, die sowieso zum unmittelbaren Einflussgebiet der USA gehören, mit allerdings mehr Widerstand durch die aktuellen Regierungen von Claudia Sheinbaum und Mark Carney – denen musste Trump deshalb auch ein Zückerchen zuteilen.
So finden aber 78 der 104 Spiele in den USA statt. Deshalb setzt die US-Regierung auch ihre politischen Ziele durch. Unbeliebte Staaten sind ausgeschlossen, mit Einreiseverboten, so für Russland, Pakistan und die DR Kongo. Ein offizieller Fifa-Schiedsrichter aus Somalia durfte nicht einreisen – und wurde zuhause jubelnd empfangen. Damit die Mannschaft der USA besser siegen kann, griff Trump in die Fifa ein: Der vom Fifa-Schiedsrichter gesperrte US-Nationalspieler Folerin Balogun, der aus Nigeria stammt und bisher der erfolgreichste US-Torschütze der Weltmeisterschaft – er durfte auf Trumps Befehl an Infantino doch wieder spielen, im nächsten wichtigen Spiel gegen die starken Belgier! USA muss gewinnen, unter Bruch aller Regeln und Rechte, auch im Fussball – und auch hier nützte es nichts, wie das jetzt häufiger passiert.
Nicht hereingelassen wurde Begleitpersonal des Iran und der Elfenbeinküste – und Haiti musste das Trikot seiner Nationalmannschaft ändern: Das Symbol für den nationalen Befreiungskampf 1803 gegen die sklavenhaltende Kolonialmacht Frankreich musste entfernt werden!
Die Armen einbeziehen – aber auf den hinteren Rängen!
So wurde der Weltcup 2026 zum weitaus teuersten Weltcup aller Zeiten. Die USA gaben alle bisherigen Regulierungen frei: TV-Rechte an die Fifa auch global; Tickets kosten nun tausende und zehntausende Dollar; hunderte oder tausende Dollar für öffentlichen Verkehr und Taxis, ähnlich für Hotels und sonstige Unterkünfte. Aber die Stadien sind ausverkauft. So feiern in den Stadien dann doch nicht die einfachen Menschen, sondern die Halb-Reichen und der von Deklassierung bedrohte Mittelstand – oder man muss sich verschulden.
Wer nicht zahlen kann, kann mit Video dabeisein, aber abseits des direkten Kampfes im Stadion. So werden die heutigen Proletarier des Globalen Südens wie auch die immer mehr Multi-kulti-Migrantenarbeiter in den USA selbst weiter auf Abstand gehalten. So sitzen sie dann hinten in der dritten Reihe, am Fernseher in ihrem Armenquartier oder mit ihren Smartphones, ausserhalb der Stadien – aber können sich doch mitfreuen und werden irgendwie im Nachspiel mit eingefangen.
Und welche Überraschung für die stolzen, hochbezahlten Fussball-Star-Millionäre in den Mannschaften der reichen und bisher führenden Fussballstaaten wie England, Deutschland, Spanien, Portugal, Frankreich: Die neu kämpferischen Spieler armer Staaten aus Afrika und Südamerika können Mannschaften aus den reichen Staaten besiegen, und das können dann auch deren weltbekannt inszenierte, oft schon überalterte und weiter gut verdienenden Topstars nicht verhindern: Paraguay und Ecuador schlagen den Ex-Weltmeister Deutschland, Marokko schlägt Kanada, Kap Verde erzwingt gegen Ex-Weltmeister Spanien ein Unentschieden, ebenso Ghana gegen Ex-Weltmeister England. Das macht Freude, wenn auch nur ersatzweise, aber desto mehr. Und diese Freude hat Perspektive, so die nicht unbegründete Hoffnung.
Nur China verbietet die betrugsanfälligen Sportwetten
Explodiert sind auch die von der Fifa, den Sponsoren und der US-Regierung geförderten online-Sportwetten, auf allen Kontinenten, auch mit unregulierten, betrügerischen Anbietern, auch mit Kryptowährungen und ungesicherten Auszahlungen. Aber auch arme Menschen machen mit, auf ihrem Handy, in der Hoffnung auf schnelle Gewinne und einfache Wege aus der Armut.
Nur die Volksrepublik China, Fifa-Mitglied, hat alle diese Sportwetten verboten. Deshalb: Erst die weitere Regulierung und Entkapitalisierung und die Demokratisierung des Fussballs würde, wie bei anderen Sportarten, die Rolle der Völkerverständigung des Sports erst wirklich zur Entfaltung bringen. Diese Frage ist wichtiger geworden, aber keineswegs entschieden.
Der Kommentar von Werner Rügemer wurde aus gewerkschaftsforum.de übernommen, gekürzt um zwei Absätze mit reinem Bezug zur deutschen Innenpolitik. Rügemer, geb. 1941, ist Publizist und interventionistischer Philosoph.
Von Werner Rügemer ist soeben das Glückwunsch-Buch zum 250. Geburtstag der USA erschienen: «Broken USA»: 250 Jahre Kriege, Unterdrückung und Lügen. 104 Seiten, 10,90 Euro. Hintergrund Verlag Berlin 2026