Statuen der wichtigsten Führer der Kommunistischen Partei Chinas in Yan’an. Sie haben ihr riesiges Land in einem beispiellosen historischen Experiment zu neuer Souveränität geführt. Foto: Bruno Guigue.
Keine wirkliche Souveränität ohne Sozialismus!
Kein klassisches kapitalistisches Land, sei es nun im Zentrum oder an der Peripherie des Weltsystems angesiedelt, ist wirklich souverän.
von BRUNO GUIGUE, 12. Oktober 2026
Anstatt auf die Verlockungen gewisser Pseudopatrioten hereinzufallen, die Vaterlandsliebe mit der Suche nach einem Sündenbock verwechseln, sollten diejenigen, die vorgeben, sich für die Souveränität einzusetzen und den Imperialismus zu bekämpfen, aus den Lehren der Geschichte ihre Schlüsse ziehen und sich einigen offensichtlichen Tatsachen stellen.
Auch auf die Gefahr hin, dass dies bei den streng wachsamen Hütern der bürgerlichen Orthodoxie einen Aufschrei der Entrüstung auslöst, lässt sich die folgende Feststellung nicht leugnen: In der heutigen Welt sind die Staaten, die ihre Souveränität errungen haben und deren Vorrechte uneingeschränkt ausüben, hauptsächlich Länder mit sozialistischer Ausrichtung, die von einer mächtigen kommunistischen Partei geführt werden.
So schwer es für die keuschen Ohren der Bourgeoisie auch zu hören sein mag: Das ist die Realität, und das gilt insbesondere für die ehemals kolonisierten Länder, in denen der bewaffnete Kampf um die Unabhängigkeit mit einer echten sozialen Revolution einherging: China, Vietnam und natürlich Kuba, aber auch Algerien, das sich seine Unabhängigkeit in einem erbitterten Kampf erstritten hat und sie durch eine souveräne Aussenpolitik bewahren konnte.
Staaten, die ihre Souveränität uneingeschränkt auszuüben vermögen, sind hauptsächlich sozialistisch orientierte Länder, die von einer einflussreichen kommunistischen Partei geführt werden
Selbst das heutige Russland, das zwar nicht mehr sozialistisch ist, ist nur deshalb souverän, weil es dies zuvor war, wobei das sowjetische Erbe ihm die materiellen Grundlagen für eine Unabhängigkeit liefert, die heute angesichts der imperialistischen Einkreisung und des von der NATO geführten Stellvertreterkriegs erneut bekräftigt wird.
Unter allen wirklich souveränen Nationen stellt China ganz klar für sich genommen ein beispielloses historisches Experiment dar, dessen durchschlagender Erfolg im Westen noch immer nicht verstanden wurde, obwohl es die ganze Welt in Staunen versetzt.
Zugegebenermassen war der Weg zur Souveränität und zu ihrem logischen Folgeprozess, dem Sozialismus, kein ruhiger Fluss! Auf globaler Ebene war dieser lange, ein Jahrhundert andauernde, zermürbende Kampf von vielen Wendungen geprägt und brachte eine ganze Reihe von Siegen und Niederlagen, Hoffnungen und Enttäuschungen mit sich.
In der Vergangenheit gab es sogar Fälle, in denen sozialistische Länder scheiterten – entweder wurden sie nach einem mitunter sehr langen und schwierigen Kampf vom Imperialismus besiegt oder brachen unter der Last ihrer inneren Widersprüche zusammen, wie beispielsweise die Volksdemokratien Osteuropas.
Diese Länder, die nun im Einflussbereich des globalen Westens stehen, haben ihre sozialistische Ausrichtung verloren, ohne ihre Souveränität zurückzugewinnen, die einst vom sowjetischen „grossen Bruder“ nicht immer beachtet und und heute von einer den Finanzmächten hörigen EU in Ketten gelegt wird. Haben sie dabei wirklich etwas gewonnen?
Insgesamt bietet die grosse Gruppe der kapitalistischen Länder heute ein wenig appetitliches Bild, und es gibt unter ihnen kaum noch souveräne Staaten, die diesen Namen verdienen: Ob es sich nun um die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die asiatischen Verbündeten der Vereinigten Staaten oder auch zahlreiche afrikanische Länder – sie alle sind Satelliten dieses räuberischen Imperialismus, dessen herrschende Klasse die globalisierte Finanzoligarchie ist und dessen Hauptquartier in Washington angesiedelt ist.
Auf halbem Weg zwischen Gefolgschaft und Unabhängigkeit versuchen zahlreiche Länder in Asien, Afrika und Amerika, ihre relative Autonomie zu bewahren, indem sie zu den rivalisierenden Polen der globalen Geopolitik den gleichen Abstand wahren: Sie hoffen, auf diese Weise die Vorteile ihrer Neutralität zu nutzen, ohne sich dabei jedoch von den Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien, die sie mit dem Zentrum des Weltkapitalismus verbinden.
Andere Länder betonen zwar gerne ihre Souveränität, doch das dient nur der Täuschung: Sie sind nichts weniger als Kolonien des Imperiums. Die Europäer zum Beispiel mögen der ganzen Welt zwar Lektionen erteilen, doch ist es allgemein bekannt, dass sie politische Vasallen, militärische Hilfstruppen und digitale Kolonisierte Washingtons sind.
Die Tatsache, dass sie sich für frei halten, ändert nichts an der Realität ihrer Knechtschaft: Um souverän zu sein, reicht es nicht aus, eine Papp-Souveränität zur Schau zu stellen! Das Gleiche gilt für die Länder Lateinamerikas: Mit Ausnahme des sozialistischen Kubas, das für diese Unabhängigkeit einen hohen Preis zahlt, des Venezuela unter Chávez und Maduro sowie des mutigen sandinistischen Nicaraguas haben sie sich letztendlich alle unterworfen.
Die Europäer zum Beispiel mögen der ganzen Welt zwar Lektionen erteilen, doch ist es allgemein bekannt, dass sie politische Vasallen, militärische Hilfstruppen und digitale Kolonisierte Washingtons sind.
Die Bemühungen Brasiliens und Mexikos, den nordamerikanischen Würgegriff zu lockern, sind lobenswert, doch ohne eine Strategie des Bruchs werden die Ergebnisse bescheiden bleiben. Der Nahe Osten hingegen ist vollständig unterworfen, mit Ausnahme eines grossen Landes, das seine Souveränität in einem unerbittlichen Kampf gegen Washington laut und deutlich bekräftigt: Dies ist der Fall der Islamischen Republik Iran, die seit 1979 revolutionäre Perspektive und religiöse Ideologie miteinander verbindet.
Diese mutige Nation, die unter der Führung der Revolutionsgarden gerade den schlimmsten Yankee-Verbrechern eine demütigende Niederlage zugefügt hat, offenbart die tiefgreifende Triebkraft des Antiimperialismus: Weit davon entfernt, in die globalen Kreisläufe integriert zu sein, ist der Iran ein gesellschaftliches Gebilde, dessen Führungselite, die der nationalen Souveränität zutiefst verbunden ist, nicht zur globalisierten Finanzoligarchie gehört.
Letztlich steht eines fest: Kein klassisches kapitalistisches Land, sei es nun im Zentrum oder an der Peripherie des Weltwirtschaftssystems, ist wirklich souverän. Die Dementis seiner Führungskräfte ändern daran nichts, und die Grundsatzbekenntnisse, mit denen sie sich brüsten, sind angesichts dieser Realität bedeutungslos: Wahre Souveränität ist mit ihrem Klassencharakter unvereinbar.
Die einzige Ausnahme von dieser Regel scheinen die Vereinigten Staaten von Amerika zu bilden, da sie seit 1945 das hegemoniale Zentrum des globalen Kapitalismus darstellen: Sie legen die Regeln entsprechend ihren Interessen fest und setzen sich schamlos über das Völkerrecht hinweg, wann immer dieses ihren Ambitionen oder denen ihres zionistischen Verbündeten entgegensteht.
Man muss sich jedoch fragen, worin diese angebliche „Souveränität“ der Vereinigten Staaten eigentlich besteht: Da sie von einer gierigen und prinzipienlosen Plutokratie ausgehöhlt wird, spiegelt sie eher die Vorherrschaft dieser parasitären Klasse wider als die Selbstbestimmung des amerikanischen Volkes.
Die wahre Souveränität ist nämlich untrennbar mit der des Volkes und der der Nation verbunden: Wenn die Interessen der Bourgeoisie die der gesamten Gemeinschaft überwiegen, wird die Volkssouveränität mit Füssen getreten, und die nationale Souveränität ist nichts als eine trügerische Fassade!
Da wahre nationale und volkstümliche Souveränität mit der Herrschaft der besitzenden Klassen unvereinbar ist, ist folglich kein kapitalistisches Land wirklich souverän. Und aus dem gleichen Grund gibt es kein wirklich sozialistisches Land, das nicht tatsächlich souverän ist.
Denn das kollektive Eigentum an den wichtigsten Hebeln der Wirtschaft begründet dort eine Souveränität, die dank dieser Basis im Volk keine leere Hülle ist: Wenn noch keine ausländische Macht China, Vietnam oder Kuba in die Knie gezwungen hat, dann gerade deshalb, weil der Sozialismus der imperialistischen Ausbeutung ein unüberwindbares Hindernis in den Weg stellt.
Kollektives Eigentum an den wichtigsten Hebeln der Wirtschaft bilden die Basis für eine Souveränität, die keine leere Hülle ist.
Die Länder, die eineinhalb Milliarden Menschen repräsentieren, durch einen erbitterten Volkskampf ihre nationale Unabhängigkeit erkämpft und die Kontrolle über den Produktionsapparat entschieden in die Hände der Gemeinschaft gelegt haben, veranschaulichen dieses Gesetz der Geschichte: Nur der reale Sozialismus garantiert die Souveränität und ist ein Gegenmittel zum Imperialismus.
Das verdeutlicht, wie schwierig der Weg ist, den eine Nation zurücklegen muss, die sich aus dem Kokon einer verschlagenen Herrschaft befreien möchte, die heute unangefochten zu sein scheint. Wenn Frankreich morgen seine Souveränität zurückgewinnen will, muss es die Abhängigkeitsverhältnisse, die es dem globalisierten Kapitalismus unterwerfen, eines nach dem anderen auflösen. Das wird kein leichtes Unterfangen sein, aber Freiheit hat ihren Preis.
Bruno Guigue, Absolvent der ENA, ehemaliger Spitzenbeamter und Gastprofessor an der Pädagogischen Universität Südchinas, hat diesen Text auf seinem Substack-Kanal veröffentlicht.
