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«Wir sind wieder im Mittelalter»: Die EU lässt kritische Experten wie Jacques Baud buchstäblich verhungern

Niemand ist vor den Sanktionen wegen «russischer Propaganda» sicher – selbst diejenigen nicht, die russische Quellen nie nutzen. Baud ist einer von fast 60 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, gegen die die EU Sanktionen verhängt hat.

von EVA KARENE BARTLETT, 28. Januar 2026

27. Januar 2026, RT.com

Am 15. Dezember 2025 verhängte die Europäische Union Sanktionen gegen den ehemaligen Schweizer Geheimdienstmitarbeiter und Ex-NATO-Angestellten Jacques Baud. Kein Gerichtstermin, keine Anklage, nur abrupte, erdrückende Sanktionen.

Warum hat die EU Baud sanktioniert? Natürlich wegen «russischer Propaganda», obwohl viele der Quellen, die er in seinen Berichten darüber zitiert, wie der Westen Jahre vor der russischen Militäroperation einen Krieg mit Russland provoziert hat, westliche und ukrainische sind – darunter die SBU und Oleksji Arestowytsch, ein ehemaliger Berater von Wolodymyr Selenskyj.

Willkommen zum jüngsten Wahnsinn der EU.

Baud ist weithin für sein fundiertes Wissen und seine Analysen geschätzt, die grösstenteils auf seinen eigenen Forschungen während seiner Tätigkeit bei der NATO basieren. Im Laufe der Jahre ist er immer beliebter geworden, trat in vielen Podcasts und Interviews auf und schrieb zahlreiche Bücher und Artikel.

Seit Russland seine Militäroperation in der Ukraine begonnen hat, schreien westliche Medien lautstark von einer «unprovozierten Invasion». Baud hat ausführlich über die Realitäten geschrieben und gesprochen, die dieser Darstellung widersprechen: Fakten vor Ort vor Februar 2022, die sogar bis zur Zeit vor dem Maidan-Putsch 2014 zurückreichen (im Gegensatz zu den meisten traditionellen Medien, die eine selektive Amnesie entwickelt haben).

Interessant an Baud ist, dass er seine Behauptungen nicht mit russischen Quellen untermauert und sich öffentlich weder für Russland noch für die Ukraine positioniert hat.

Er hat lediglich die Situation auf der Grundlage der ihm zugänglichen Informationen analysiert. Wie kam er an diese Informationen? Als er 2014 für die NATO im Bereich der Bekämpfung der Verbreitung von Kleinwaffen tätig war, wurde er mit der Untersuchung von Vorwürfen beauftragt, Russland habe Waffen an den Widerstand im Donbass geliefert.

Er schrieb darüber im Jahr 2022 und merkte an: «Die Informationen, die wir damals erhielten, stammten fast ausschliesslich von polnischen Geheimdiensten und passten nicht zu den Informationen der OSZE – trotz ziemlich kruder Behauptungen gab es keine Lieferungen von Waffen und militärischer Ausrüstung aus Russland.»

«Die Rebellen waren bewaffnet, da russischsprachige ukrainische Einheiten zu ihnen übergelaufen waren. Als die Niederlagen der Ukraine sich häuften, verstärkten Panzer-, Artillerie- und Flugabwehrbataillone die Reihen der Autonomisten.»

Als Ergebnis seiner Recherchen konnte er auch die Vorwürfe, Russland habe Militäreinheiten in den Donbass entsandt, eindeutig widerlegen, indem er sich auf die SBU (ukrainischer Sicherheitsdienst) selbst sowie andere ukrainische Quellen berief.

In einem Interview, das ich im September 2024 mit Baud führte, sprach er darüber.

«Ich kann kategorisch sagen, dass es keine russischen Streitkräfte im Donbass gab. Der Mann, dem Sie begegnet sind (ich hatte erwähnt, dass ich ein einziges mal einen ehemaligen russischen Soldaten getroffen hatte, als ich 2019 im Donbass war), repräsentiert genau die Art von russischer Präsenz, die zu dieser Zeit bestand, was sowohl von der SBU als auch vom ukrainischen Generalstab bestätigt wurde.»

«In einem öffentlichen Interview im Jahr 2015, kurz nach der Unterzeichnung des Minsker Abkommens 2, erklärte der Chef des ukrainischen Generalstabs öffentlich, dass es keine russischen Militäreinheiten gebe, die im Donbass kämpften, sondern nur einzelne Soldaten, genau wie in dem von Ihnen gerade erwähnten Fall.»

Offensichtlich bezieht er sich nicht auf russische Informationen (oder «Propaganda»), sondern auf ukrainische und westliche Quellen. Ein noch besseres Beispiel dafür sind seine Äusserungen zum Vorlauf der Sondermilitäroperation Russlands im Februar 2022.

Unter Bezugnahme auf ein Dekret von Selenskyj vom März 2021 (zur Rückeroberung der Krim und des Südens der Ukraine) sprach Baud über ein Interview, das zwei Jahre zuvor mit Selenskyjs ehemaligem Berater Arestowytsch geführt worden war.

«Er sagt, um der NATO beitreten zu können, müssten wir einen Krieg mit Russland führen. Als der Interviewer ihn fragte, wann dieser Konflikt stattfinden würde, antwortete Arestowytisch Ende 2021 oder 2022.» Eine Position, so Baud, die mit einem 300-seitigen Dokument der Rand Corporation vom März 2019 übereinstimmt, «in dem erklärt wird, wie man Russland besiegen und destabilisieren kann.»

Die EU ist sicherlich verärgert darüber, dass Baud auch die Behauptungen der westlichen Propaganda, Russland sei 2014 in die Krim eingefallen, widerlegt hat. Er sagte mir: «Die ukrainische Armee war zu dieser Zeit eine Wehrpflichtarmee, was bedeutet, dass es innerhalb der ukrainischen Armee sowohl ukrainischsprachige als auch russischsprachige Soldaten gab. Als die Armee den Befehl erhielt, auf Demonstranten zu schiessen oder gegen sie zu kämpfen, desertierten diejenigen, die Russisch sprachen, und wechselten einfach die Seite. Sie schlossen sich den Demonstranten an und wurden zu den berühmten ‹kleinen grünen Männchen›.»

Man muss bedenken, dass Baud damals für die NATO arbeitete. «Es gab absolut keinen Hinweis darauf, dass Russland neue Truppen auf die Krim brachte. Gemäss dem zwischen Russland und der Ukraine unterzeichneten Truppenstatusabkommen waren bis zu 25 000 russische Soldaten auf der Halbinsel Krim stationiert. Zu diesem Zeitpunkt waren es nicht einmal 25 000, sondern 22 000. Ein ukrainischer Abgeordneter sagte im ukrainischen Fernsehen, dass von den 20 000 (sic) ukrainischen Soldaten, die auf der Krim stationiert waren, 20 000 zur russischsprachigen Seite übergelaufen seien.»

Was die «russische Propaganda» angeht, so ist dies ein Begriff, der von den etablierten Medien und den Sprachrohren der NATO gerne verwendet wird, um den Ruf anderer zu schädigen oder deren Stimmen zu zensieren. Die Kriegsbefürworter sind verärgert, dass ihre eigene «Russland hat angefangen»-Propaganda nicht funktioniert.

Sanktionen hindern Baud sogar daran, Lebensmittel zu kaufen

Baud lebt in Brüssel und kann sich aufgrund der Sanktionen nicht einmal mehr Lebensmittel kaufen. Und wohlmeinende Menschen können das auch nicht für ihn tun. In einem Interview mit Dialogue Works Ende Dezember 2025 sagte Baud:

«Gestern hat eine Freundin von mir aus der Schweiz versucht, Lebensmittel für mich zu kaufen, die zu mir nach Hause (in Belgien) geliefert werden sollten. Sie konnte zwar bestellen, aber die Zahlung wurde blockiert. Jede Lieferung zu mir nach Hause ist verboten, selbst wenn das Geld aus der Schweiz kommt.»

Menschen, die sich seiner ungerechten Lage bewusst sind, bringen ihm persönlich Lebensmittel, um ihm zu helfen, da er selbst keine kaufen kann.

In einem neueren Interview auf Judging Freedom betonte Baud, dass sein Fall eine aussenpolitische Entscheidung war, die ihm ein ordentliches Verfahren verwehrte.

«Diese Entscheidung wurde nicht von einem Gericht gefällt. Ich wurde von niemandem verurteilt. Ich stand nicht vor einer Jury. Ich konnte meinen Fall nicht darlegen. Ich konnte mich nicht verteidigen. Diese Entscheidung wurde nicht von einem Gericht getroffen, sondern vom Rat der Aussenminister der Europäischen Union.»

Das Einzige, was er tun könne, erklärte Baud, sei, «vor den Europäischen Gerichtshof zu gehen und zu argumentieren versuchen, dass die Entscheidung nicht gerecht war, woraufhin der Gerichtshof den Fall prüfen und eine Einschätzung dazu abgeben könnte.» Selbst wenn das Gericht zu dem Schluss kommen sollte, dass die Sanktionen nicht gerechtfertigt sind, könne es nur «dem Rat der Aussenminister empfehlen, seine Meinung zu ändern».

Angesichts der Tatsache, dass die Sanktionen gegen Baud eine Strafe dafür sind, dass er sich nicht ans Narrativ gehalten hat, ist kaum mit einem Sinneswandel zu rechnen.

Eine wachsende Liste von Stimmen, die von der EU sanktioniert werden

Ursula von der Leyen: Die Meinungsfreiheit ist das Fundament unserer starken und lebendigen europäischen Demokratie. Wir sind stolz darauf. Wir werden sie schützen. Denn die EU-Kommission ist die Hüterin unserer Werte.
Hüseyin Doğru: Ihr habt mich buchstäblich dafür bestraft, dass ich meine Meinungsfreiheit ausgeübt habe.

Jacques Baud ist nicht der erste, der von der EU sanktioniert wurde. Zahlreiche Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden wegen ihrer Schriften oder Äusserungen zum Donbass, zur Krim, zur Korruption in der Ukraine usw. sanktioniert. Doch viele von ihnen sind in Russland oder anderswo in Sicherheit, und obwohl ihre ausländischen Bankkonten zu Unrecht eingefroren wurden, können sie zumindest Lebensmittel kaufen und ein normales Leben führen.

Ein kürzlich erschienener Artikel in Forum Geopolitica weist auf die dreiste Rechtswidrigkeit dieser Sanktionen hin. «Im Widerspruch zu Artikel 11 ihrer eigenen Charta hat die EU beschlossen, die Bürger aller Länder zu bestrafen, zu entrechten und zu enteignen, ohne dass sie eine Straftat begangen hätten, wie es zuletzt in Nazi-Deutschland der Fall war.»

«Diese Eliminierung von Dissidenten wird nicht von einem Gericht angeordnet, sondern vom ‹Rat der Europäischen Union›, dem politischen Arm der EU. Der Rat, in dem nicht-demokratisch gewählte Apparatschiks ein gutes Leben führen, wird von Kaja Kallas geleitet, die selbst nicht demokratisch gewählt wurde. Wir sind wieder im Mittelalter.»

Der französische Journalist Xavier Moreau wurde ebenfalls sanktioniert, und etwa ein halbes Jahr davor wurde die schweizerisch-kamerunische politische Aktivistin Nathalie Yamb ins Visier genommen.

Der deutsche Journalist Hüseyin Doğru wurde im Mai 2025 sanktioniert, weil er ein «russischer Desinformationsakteur» sei und, seinen eigenen Angaben zufolge, «pro-palästinensisch berichtet und die Repression von Aktivisten in Deutschland und der EU dokumentiert».

Wie bei den anderen sanktionierten Personen wurden keine «Beweise» für die Anschuldigungen der EU vorgelegt, insbesondere keine Beweise für finanzielle Verbindungen zu Russland oder russischen Medien.

Hüseyin Doğru: Das ist die Gesamtheit der sogenannten «Beweise», die die EU gesammelt hat, um mich zu sanktionieren. Kein einziges Wort, geschweige denn Beweise oder Indizien (nicht einmal gefälschte) für meine angeblichen finanziellen Verbindungen zum «russischen Staatspropagandaapparat» – die gesamte Grundlage für meine Sanktionierung.

Eine Petition, die «die sofortige Aufhebung der illegalen Sanktionen gegen Jacques Baud sowie gegen alle Journalisten, Wissenschaftler und EU-Bürger» fordert, weist zu Recht darauf hin, dass es kein Verbrechen ist, die wahren Gründe für den Krieg in der Ukraine zu nennen.

«Es ist kein Verbrechen, die Leser auf Unwahrheiten und die Propaganda der EU und NATO aufmerksam zu machen. Es ist kein Verbrechen, darauf hinzuweisen, dass der Westen leichtsinnig mit ukrainischen Kräften kooperiert, die eine gefährliche Nähe zu Faschisten aufweisen.»

Unter Hinweis darauf, dass die Sanktionen gegen 59 Journalisten und Wissenschaftler verhängt wurden, wird betont, dass die EU «die Sanktionsliste als Instrument nutzt, um Kritiker zum Schweigen zu bringen, und sich damit immer tiefer in einen Abgrund der Gesetzlosigkeit manövriert».

Amüsanterweise hat die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen (auch bekannt als Ursula von der Lying), einen Beitrag zum «Schutz» der Meinungsfreiheit veröffentlicht. Auf der Website der EU-Kommission wird behauptet, dass das Recht auf freie Meinungsäusserung «auch bedeutet, dass die Freiheit und der Pluralismus der Medien respektiert werden müssen».

Die Sanktionen sind Teil einer umfassenderen verzweifelten Kampagne, Stimmen zu unterdrücken und zu zensieren, die wahrheitsgemäss über Themen im Zusammenhang mit der Ukraine, dem anhaltenden Völkermord Israels an den Palästinensern in Gaza und anderen aktuellen Themen berichten. Ja, sie können uns zensieren, indem sie unsere YouTube- und Social-Media-Plattformen löschen oder Sanktionen gegen Journalisten, Autoren und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verhängen.

Aber es funktioniert nicht. Baud sagte, er habe nun mehr Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit gewonnen. «Es ist immer eine schlechte Idee, jemanden am Reden zu hindern. Das erregt nur noch mehr Aufmerksamkeit.»

Eva Bartlett ist eine unabhängige Journalistin aus Kanada. Sie hat jahrelang vor Ort über Konfliktgebiete in Westasien berichtet, insbesondere über Syrien und Palästina (wo sie fast vier Jahre lang gelebt hat). Sie twittert unter @EvaKBartlett.

Quelle: Substack. Übersetzt mit Hilfe von DeepL.

Frühere Texte von und über Jacques Baud auf kommunisten.ch:

→ Die Meinungsfreiheit, die der EU nicht gefällt: Hat die Hexenjagd begonnen?

→ «Diese Krise war von Anfang an irrational»

→ Unsere Politik und Medien «haben Primarschulniveau»

→ Weissrussland und die «Entführung» eines Flugzeugs über Minsk