kommunisten.ch

kommunisten.ch

Ein lesegewandter junger Soldat liest seinen Genossen aus der «Krasnaja Gazeta» vor. In den ersten Jahren nach der Revolution war der Analphabetismus noch verbreitet, und während des Bürgerkriegs waren die Zeitungsauflagen wegen katastrophaler Papierknappheit tief. Foto: Kunst- und Geschichtsmuseum Murom/russiainphoto.ru

Wie AgitProp entstand – die «sprechende» Zeitung der Bolschewiki

von ALEXANDRA GUSEWA, Sputnik

Man stelle sich vor: man kann sich weder aus einer Zeitung noch über ein Smartphone informieren, sondern man bekommt täglich einen Hausbesuch von einer speziell ausgebildeten Person, welche die neusten Nachrichten erzählt oder vorliest. Genauso funktionierten «sprechende» Zeitungen in der Sowjetunion in den 1920er Jahren. Und die AgitProp war geboren!

Zur Zeit der Grossen Oktoberrevolution von 1917 lag die Zahl der Russen, die lesen und schreiben konnten, bei 20 Prozent. Eines der Hauptziele der Bolschewiki war die Ausrottung des Analphabetismus, an der sie ab 1919 intensiv arbeiteten. Doch um den Menschen das Lesen beizubringen, brauchte es Zeit – für die Information mussten kurzfristig andere Lösungen gefunden werden. Denn die Analphabeten – die Arbeiter, Bauern und Soldaten – waren die Hauptzielgruppe der Agitation. Aber es gab noch ein weiteres Problem in jenen Anfangsjahren: Es herrschte ein akuter Mangel an Druckressourcen. So kam es zu der genialen Idee der «sprechenden» Zeitung.

Arbeiter des «Sowkino» (sowjetisches Kino), einer «sprechenden» Zeitung. Foto: Zentrales Staatsarchiv für Film- und Fotodokumente von St. Petersburg: https://russiainphoto.ru/

Anfangs wurden die revolutionären bolschewistischen Zeitungen einfach vor grossen Gruppen von Menschen laut vorgelesen. In der ersten sowjetischen Fachzeitschrift «Der rote Journalist» fand man viele Inhalte über die so genannten «sprechenden» Zeitungen, in denen die Redakteure Tipps austauschten und diskutierten, was funktioniert und was nicht.

Agitationswagen in Petrograd (St. Petersburg). Foto: MAMM/MDF/russiainphoto.ru

In Smolensk zum Beispiel wurden die «sprechenden» Zeitungen im zentralen Park verlesen. Sie enthielten u. a. aktuelle Kolumnen sowie eine Auswahl an Nachrichten. Die Redakteure stellten jedoch bald fest, dass Satire, Humor und Poesie bei den Zuhörern besonders gut ankamen. Die empfohlene Höchstdauer für eine Lesung betrug eine Stunde – nicht mehr. 

Zeitung «Parowos» («Dampfzug»). Archiv-Foto

Mit der Zeit wurde klar, dass das normale Zeitungsmaterial für die auditive Verdauung zu schwierig war und speziell für das Lesen aufbereitet werden musste. Ausserdem konnte man das Lesen nur einem wirklich fähigen Redner anvertrauen. Schon bald fuhren Propagandazüge und -wagen durch das Land, zeigten Filme, hielten Lesungen ab, verkündeten ideologische Appelle und verbreiteten die Nachricht vom Sieg der Roten. 

Agitationszug «Sowjetisches Kino». Foto: MAMM/MDF/russiainphoto.ru

Aber auch nachdem das Material zum Lesen aufbereitet worden war, begannen beispielsweise die Soldaten oft, gewissermassen einzuschlafen. So wurden die «sprechenden» Zeitungen zu «lebenden» Zeitungen fortentwickelt: eine ganze Theateraufführung. 

Aufführungen des Kollektivs der Transportkonsumentengesellschaft der Oktjabrskaja-Eisenbahn. Archiv-Foto

Eigens ausgebildete Schauspieler spielten Szenen des Klassenkampfes. Sie sangen Lieder, führten Reime, Choreografien und anderes auf.

Auftritte des Kollektivs der Gesellschaft der Transportkonsumenten der Oktjabrskaja-Bahn. Archiv-Foto

Das neue Phänomen kam richtig in Schwung. So sehr, dass es bis in die 1930er Jahre hinein «lebende» Zeitungen gab. Ganze Amateurtheaterkollektive traten auf. Mit der Zeit wurden die Inszenierungen komplexer, sowohl was den Inhalt als auch was die Bühnendekoration betraf. 

Auftritte des Kollektivs der Gesellschaft der Transportkonsumenten der Oktjabrskaja-Eisenbahn. Archiv-Foto

Die «Live-Zeitungen» hatten auch die wichtige Aufgabe, praktische Informationen zu vermitteln. Einige davon betrafen neu erlassene Gesundheitsnormen oder die Behandlung neuer Infektionskrankheiten usw. Typhus und Cholera wüteten zu dieser Zeit in Russland, so dass sich die Agitationsbrigaden oft auf die Bekämpfung dieser Krankheiten konzentrierten: Dazu gehörte die Notwendigkeit Läuse auszurotten, geschlossene Räume zu lüften und nur sauberes Wasser zu trinken. Alles wurde in volkstümlichem Singsang vorgetragen. 

Pulse Live-Zeitung. Archiv-Foto

«Vom Kropf befallen, den Atem anhalten»
«Lese die Zeitung»
«Nur Wahrheit, und nicht Mythos
in ihr wirst du finden.»

Der Hauptunterschied zu einer Bühnenproduktion bestand darin, dass die «lebenden» Zeitungen politische, oft aufrührerische Stadtgespräche führen mussten. Nach dem Bürgerkrieg fanden die Aufführungen nicht mehr vor Soldaten statt, sondern in Clubs, Gemeindezentren, Schulen und Parks.

Mitglieder des «Blauen Waffenrocks». Foto: Bachruschin Staatliches zentrales Theatermuseum

Eines der politisch aktivsten Theaterkollektive war der «Blaue Waffenrock». Es verfügte über zahlreiche Agitationsbrigaden, die mit avantgardistischen Kostümen und musikalischer Untermalung die Botschaft der revolutionären Kunst und der politischen Information in die Massen trugen. 

Samson Galperin, Leiter einer Gruppe des «Blauen Waffenrocks». Foto: Bachruschin Staatliches zentrales Theatermuseum

Szenen, Monologe, Verse, Volksreime – «lebende» Zeitungen verkörperten die Entwicklung der sowjetischen Presse und ihre Vorliebe für Satire und Feuilleton. Und auch als das Analphabetentum endlich überwunden war, wurden diese aktuellen Verse und Monologe in den Parks und Gemeindezentren der UdSSR noch jahrelang weiter aufgeführt.

«Blauer Waffenrock» tritt bei der Eröffnung des Gorki-Parks in Moskau auf. Foto: Russisches Staatliches Film- und Fotoarchiv, Krasnogorsk

Der Artikel wurde aus der deutschen Ausgabe von Russia Beyond übernommen.